Farbenqual




Die unentwegt lodernde und von Zeit zu Zeit an die Oberfläche gespülte Debatte rund um Barock, Original, Sport und das ganze noch versetzt mit explosiven Farben wie Tobiano, Schimmel & Co nehmen wir zum Anlass, um hier die heiligen Hallen der Knabstrupperzucht zu öffnen. "Blasphemie!", hören wir jetzt schon vom Süden bis in den hohen Norden, "Impertinenz!"

Recht so!  – Ein paar Dinge gilt es dennoch zu hinterfragen:

 

 

Die Farben

Der Schimmel

Das Schimmelgen (Grey) modifiziert die Grundfarbe, es hellt diese im Verlauf des Pferdelebens auf. Bei manchen früher, bei anderen etwas später. Damit sind auch die Tupfen (also jene Grundfarbe, die die Gene des Tigerscheck-Komplexes sichtbar lassen) betroffen - ein Volltiger bleicht also aus.  Aber das bedeutet nicht, dass Grey die Gene des Tigerscheck-Komplexes verdrängt! Ein Schimmel-Tiger kann alle für den Volltiger relevanten Gene tragen und weitervererben. Hinzu kommt, dass der Erbgang des Schimmels dominant und damit sehr einfach ist. Ein mischerbiger Schimmel gibt statistisch an die Hälfte seiner Nachkommen das Schimmelgen weiter, an die andere Hälfte nicht. Und da der Schimmel in der Knabstrupperzucht praktisch nicht vorkommt, können wir von mischerbigen Schimmeln ausgehen. Demnach stellt sich zu allererst die Frage, woher das Schimmelgen beim Knabstrupper kommen soll. Es muss ganz einfach Fremdblut im Spiel sein. Das ist alles. Aber auf die begehrten Volltiger und alle dafür nötigen Gene hat es grundsätzlich einmal keinen Einfluss.

Angemerkt sei hier der Hengst Tyfon (KNN 117): Hätte diese rigorose Auslese schon immer bestanden, gäbs ihn mit all seinen zahlreichen Nachkommen nicht. Warum? Ururgroßvater Silverking II war Schimmel, dessen Sohn Silverprins II ebenso wie Großvater Juvel Lyshøj und Vater Tornado Lyshøj! Erst Tyfon selbst kam ohne einer dominanten Kopie des Schimmelgens zur Welt - die Linie war gerettet und mit ihr unter anderem Gene des begehrten Max Bodlisker. Mehr noch: Diese Linie steht heute auf einer sehr breiten Basis. 

 

 

Der Tobiano

Tobianos sind Plattenschecken und für diese gilt imgrunde das gleiche wie für die Vererbung des Schimmelgens. Der Unterschied besteht in der Ausprägung: Die Tigerung kann nur an den dunklen Stellen im Pferdefell sichtbar werden - dafür hellt sie nicht auf. Das ist alles. Aber es ist ebenso anzunehmen, dass beim Knabstrupper der getigerte Plattenschecke mischerbig für Tobiano ist und dieser gibt die für den Volltiger relevanten Gene ebenso weiter, wie jeder andere Knabstrupper. Das Tobiano-Gen ist also genau so leicht wieder aus der Zucht raus wie das Schimmelgen.

 

 

Der Einfärbige

Es gibt zwei Möglichkeiten, dass ein Knabstrupper einfärbig ist (Fuchs, Rappe, Brauner) - ohne jeden Tupfen: Er hat keine dominante Kopie des für die Tigerung essentiellen LP-Gens - oder, was viel seltener vorkommt, er hat die dominante Kopie doppelt. Für den Volltiger sind mehrere Gene (nicht nur das Hauptgen LP) verantwortlich - Gene, die unabhängig von LP weitergegeben werden können. Zu einer Verbreiterung der genetischen Basis kann auch eine Verpaarung von Einfarbigen Sinn machen - auf die Farbe hat das keinen negativen Einfluss! 

 

 

Echt oder Original?

Kann die Emotionalität in der Diskussion rund um Farben den Fakten angemessen sein? Warum überhaupt konzentriert sich alle Welt - so scheint es - auf diese Themen? Haben wir nun eine Farbzucht oder doch nicht?

Die Ursache ist an anderer Stelle zu finden. 

 

 

Reinzucht

Gleich vorweg die deutsche Regelung vom Reinzuchtknabstrupper. Gefordert sind 6 Knabstrupper von 8 möglichen in der dritten Generation - und damit ist auch schon der Beweis erbracht, dass diese Bezeichnung irreführend ist. Denn unter Reinzucht wird üblicherweise verstanden, dass ausschließlich Tiere der gleichen Rasse verpaart werden, dass die Zucht "rein" ist. Der definierte Standard wird bei der Reinzucht also durch Selektion innerhalb der Rasse angestrebt. Die Regelung 6 von 8 bedeutet aber zwei Fremdblut in der dritten bzw. ein Fremdblut in der zweiten Generation und damit ein "Halbblut" als Elternteil.

 

 

Original-Knabstrupper, Barock-Knabstrupper & Sportknabstrupper

Eine einfache Regelung mit Sprengkraft beschreibt den Original-Knabstrupper, denn gefordert sind nicht nur 8 Knabstrupper von 8 möglichen in der dritten Generation sondern auch bestimmte Kriterien in Exterieur, Interieur und Typ. Wo ist die Sprengkraft? Nun - was ist der Typ? Wer definiert den Typ? Und welches Gewicht hat der Typ? Glaubt man den Züchtern, haben alle barocke Typen - doch stellt man die Pferde nebeneinander, könnten diese Typen unterschiedlicher nicht sein. Und solange ein einheitlicher, homogener Typ nur auf dem Papier besteht und nicht als einheitliches und einprägsames Bild in den Köpfen verankert ist, können wir Ursprungszuchtbücher aufmachen soviele wir wollen - es wird sich nichts an dieser Diskussion ändern, wir werden weiterhin über Generationen, Farbe und Bewegung etc. streiten.

 

Klar muss sein, dass Warmblüter keine Rasse sind! Warmblüter sind zu allererst Sportler. Hochleistungssportler im Extremfall, die einzig für den Sport konzipiert und geschaffen sind. Eine Rasse ist etwas gänzlich anderes. Für eine Rasse gibt es einen ursprünglichen Verwendungszweck. Für diesen wurde sie geschaffen, darauf wurde sie ursprünglich selektiert. Und wenn wir sagen, der alte Knabstrupper wurde als barockes Pferd für die Hohe Schule gezüchtet, dann müssen wir in all unserem Tun dieses Ideal vor Augen haben und mit Respekt auf diese Geschichte blicken. 

Nun fordern wir natürlich nicht, dass alle Knabstrupper klassisch auszubilden sind und als Levadeure durch die Reitergeschichte zu springen haben. Im Gegenteil! Aber ein Züchter von Welsh Mountainponys, der einmal in den Kohlegruben Großbritanniens gestanden ist, wird seine Ponys mit anderen Augen sehen und ihnen und ihrer Geschichte mit Respekt gegenübertreten. Diesen Respekt und diese Ehrfurcht vor der Geschichte kann sich jede Rasse von ihren Züchtern und Zuchtrichtern erwarten.

 

 

Wir fordern auch nicht das Ende der Sportknabstrupperzucht. Im Gegentei! Aber nennt die Dinge beim Namen. Nicht nur im Sinne der Käufer und künftigen Reiter - auch im Sinne der Pferde.

 

 

Solange aber Fremdrassen wie Appaloosa (oder Quarter Horses als anderes Extrem!) auf neuen Umwegen reingewaschen werden, solange der Rassetyp in der Gedankenwelt der Richter und Züchter ein Nischendasein fristet, solange werden die Typen variieren im gesamten Spektrum der Pferdewelt und das Pallaver um Originalität und um die Qual der Farbenwahl wird kein Ende finden.